Das Reclam-Carrée im Graphischen Viertel – Die Geschichte des einstigen Zentrums der europäischen Buchdruckkunst

von Lutz 28/10/09

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Johannes Popp stellt in seinem Artikel über die Buchstadt Leipzig die provokative Frage, ob es überhaupt eine Buchmesse Frankfurt gäbe, wenn die Amerikaner nach 1945 in Leipzig geblieben wären. Die Antwort darauf ist natürlich äußerst spekulativ. Jedoch bringt Popp in seinem Beitrag die Bedeutung Leipzigs und speziell des Graphischen Viertels als ehemals größter Verlagsstandort Deutschlands wieder zurück ins Bewusstsein. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren in Leipzig über tausend Buchhandlungen, Buchdruckereien und Buchbindereien und mehr als 400 Verlage beheimatet: darunter namhafte Häuser wie Brockhaus, der Insel Verlag Anton Kippenbergs und natürlich der Reclam Verlag.

Doch drehen wir die Uhr noch ein wenig weiter zurück, schließlich lässt sich die Geschichte der Buchstadt Leipzig bis zu den Anfängen der Buchdruckkunst zurückverfolgen. Schon im 17. und 18. Jahrhundert kamen zahlreiche Bücher aus Leipzig, der Stadt, in der der erste Musikverlag weltweit entstanden ist – gegründet von Bernhard Christoph Breitkopf im Jahre 1719. Aber der eigentliche Aufschwung Leipzigs zum europäischen Zentrum der Buchduckkunst fand im 19. Jahrhundert mit der Herstellung von Druck- und Bindemaschinen sowie mit dem Ausbau des Bahnnetzes statt. Leipzig wurde zu einem der wichtigsten Knotenpunkte, und zahlreiche expandierende Verlage siedelten sich mehrheitlich im Grafischen Viertel an. Und so entstand zwischen 1895 und 1905 in der heutigen Inselstraße 22-24 ein hufeisenförmiges vierstöckiges Druckerei- und Verwaltungsgebäude – das Reclam-Carrée, in dem der A.P.Reclam-Verlag bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges beheimatet war. Im Innenhof des Gebäudekomplexes befindet sich ein Maschinenhaus, das damals mit zwei Dampfmaschinen und einer großen Akkumulatorenbatterie Strom für 56 Schnellpressen der Druckerei lieferte – und später zur Büro-Immobilie umgewidmet wurde. Das Reclam-Carrée blieb als eines der wenigen Gebäude im Graphischen Viertel weitgehend von den Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs verschont. Doch der Krieg hatte einschneidende Konsequenzen für die Buchstadt Leipzig: Während es die Verleger und Leipziger Verlagsangestellten in den Westen zog, wanderten die Maschinen in den Osten. Nach 1945 nahmen die russischen Truppen alle brauchbaren Maschinen als Reparationsleistungen mit. So ließ der Zweite Weltkrieg nicht nur Zerstörung zurück, sondern er besiegelte zugleich den Untergang der Buchstadt Leipzig. Auch Heinrich Reclam, der damalige Chef des Verlagshauses, verlagerte den Betrieb schließlich nach Stuttgart.

Das Graphische Viertel erlebte in den Jahren der DDR durchaus noch einmal einen kleinen Aufschwung. In den letzten verbliebenen Verlagen und Druckereien wurden wieder Bücher hergestellt und verkauft – häufig nur als so genannte „Bückware“ unter dem Ladentisch erhältlich. Doch mit dem Ende der DDR und dem damit verbundenen „Hunger nach allem, was aus dem Westen kam,“ wie es Johannes Popp in seinem Beitrag beschreibt, gingen im Graphischen Viertel die Lichter der Buchdruckkunst aus.

Das Graphische Viertel kann auf eine lange und beeindruckende Geschichte zurückblicken und gehört zu den ältesten Leipziger Wohn- und Gewerbegebieten. Zahlreiche Gründerzeitbauten verleihen dem Viertel heute ein einzigartiges Flair. Wenn man genau hinsieht, dann kann man noch den Geist der einstigen Metropole der europäischen Buchdruckkunst spüren. Nicht nur, wenn zur nächsten Buchmesse wieder zahlreiche Besucher sich auf den Weg in ehemalige europäische Verlags-Hauptstadt machen, sollte ein Besuch im Graphischen Viertel und natürlich des Reclam-Carrées zum Pflichtprogramm gehören – auch für die Leipziger.

Zur Geschichte des Reclam Verlages gibt es hier ein sehr interessantes PDF mit Fotos aus der Zeit vor 1945.

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